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Im Unterschied zu den früheren Gesangs- und
Musikfesten, die auch im Freien ihren Rahmen und ihre volkstümliche Wirkung
gefunden hatten, brauchten die Schlesischen Musikfeste ein anderes Umfeld.
Nicht selten wirkten über 800 Sänger und weit über 100 Orchestermusiker an den
Festaufführungen mit. Chor und Orchester, Solisten und Dirigenten und nicht
zuletzt das Publikum hatten ein Anrecht auf eine gute Akustik und einen
stilvollen Raum. Die Veranstalter wünschten sich ein gestaffeltes und
reichhaltiges Platzangebot, um mit hohen Teilnehmerzahlen auch die gewünschten
und für die Zukunft erforderlichen Einnahmen zu sichern. Bisher waren solche
Räume bestenfalls in den großen Kirchen zu finden gewesen, aber dort fehlten
fast alle Voraussetzungen, um Mitwirkenden und Zuhörern das Musizieren zur
Freude werden zu lassen. Das reichte von einer weiträumigen Bühne über den Saal
mit großer Fläche und mehreren Rängen über Garderoben, Wandelgänge,
Umkleideräume, Gaststättenräume, Treppen und Fluchtwege und einen Garten zum
Promenieren bis zu Toiletten, Anfahrtswegen für Fahrzeuge, Kassen- und
Büroräumen. Billige Provisorien waren bei dem hohen Anspruch an die Musikfeste
von vornherein indiskutabel.
Die erste Musikhalle stand pünktlich zum Musikfest 1878, dem ersten in Görlitz,
zwischen Stadtpark und Neißeufer bereit. Diese Halle hatte zunächst zwischen
1863 und 1872 auf dem Neumarkt (seit 1871 Wilhelmsplatz) gestanden. Ihr
Eigentümer, der Görlitzer Gartenbauverein, hatte darin Ausstellungen,
Zirkusvorstellungen und Sommertheater veranstaltet. Gewiss handelte es sich
nicht um ein Wunderwerk der Baukunst. Als sich der ursprüngliche Plan
zerschlug, in der Maschinenbauanstalt ein transportables und zerlegbares
Metallhaus bauen zu lassen, um damit die Kosten für ein festes Gebäude zu
umgehen, kauften die Veranstalter der Schlesischen Musikfeste lieber das
ausrangierte Monstrum des Gartenbauvereins. Die Kosten für einen
konzertgerechten Umbau wurden durch Graf Hochberg, die Provinz Schlesien und
die Landstände der preußischen Oberlausitz vorgeschossen. Der Standort war
dicht unterhalb der 1875 eingeweihten Reichenberger Brücke zur Oststadt, auf
dem späteren Gelände des Stadthallengartens. Wegen ihrer scheunenähnlichen
Balkenkonstruktion und ihrer Mauern und Fußböden aus unverputzten Ziegeln bekam
die Halle durch den respektlosen Volksmund den Namen „Musikstall“, doch war sie
wegen ihrer guten Akustik bei Musikern und Zuhörern geschätzt. Für 900
Mitwirkende und für 2 000 Gäste (1 100 Sitzplätze) fand sich bei den elf
Musikfesten Platz. 1896 schenkte Graf Hochberg das Gebäude der Stadt.
Unmittelbar neben dieser alten Musikhalle stellte 1897 die Stadt Görlitz das
Bauland für eine neue Festhalle bereit. 1905 beschlossen dann die
Stadtverordneten den Bau einer Stadthalle, die vorrangig als Musikfesthalle
dienen, jedoch vielseitig verwendbar sein sollte. Das Projekt lieferte der
Architekt Bernhard Sehring aus Berlin, ein seinerzeit gefragter und anerkannter
Fachmann für großräumige Funktionsbauten. Die Grundsteinlegung erfolgte
unmittelbar nach dem letzten Musikfest in der alten Halle am 20. Juni 1906
durch Graf Hochberg, Oberbürgermeister Georg Snay und andere Persönlichkeiten.
Das Einsturzunglück vom 9. Mai 1908 verzögerte die Fertigstellung. Die
Konzertorgel lieferte Wilhelm Sauer aus Frankfurt/Oder. Sie erklang im
Eröffnungskonzert mit dem Philharmonischen Orchester Berlin unter
Generalmusikdirektor Dr. Karl Muck am 27. Oktober 1910.
Der große Saal der neuen Stadthalle bot nun mindestens 2 700 Sitzplätze und auf
der Konzertbühne Platz für mehr als 900 Mitwirkende. Bei Großveranstaltungen
fanden hier, Stehplätze eingerechnet, bis zu 4 000 Personen Aufnahme. Im
Bankettsaal gab es für Kammerkonzerte 330 Sitzplätze. Restaurant und
Konzertgarten vervollkommneten die vielseitige Verwendbarkeit und Rentabilität
des neuen Bauwerkes. In der Nachbarschaft des Ständehauses, der Rothenburger
Versicherung und der Oberlausitzer Gedenkhalle („Ruhmeshalle“) setzte die
Stadthalle kurz vor dem Ersten Weltkrieg einen gewichtigen städtebaulichen
Akzent in den Parkanlagen am Neißeufer. Es war die größte Konzerthalle zwischen
Breslau und Dresden. Der etwas üppig geratene figürliche Schmuck an den
Fenstern und im Dachbereich rief zwar Spötter auf den Plan. Die festliche
Atmosphäre des großen Saales in Weiß, Gold und Dunkelweinrot nahm jedoch jeden
Besucher für die neue Musikhalle ein. Obwohl es hier auch Vereinsvergnügen und
Boxkämpfe, Parteitage, Theateraufführungen, Massenversammlungen oder
Notunterkünfte gab, blieb die Stadthalle im Bewusstsein der Görlitzer und ihrer
Gäste vor allem mit den Schlesischen Musikfesten verbunden, sogar in den 54
Jahren erzwungener Pause.
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